Grundlagen

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   Mehr und mehr Menschen scheint es in ihrem Alltag eng zu werden! Termindruck, übermäßig viel Arbeit und vielschichtige Anforderungen und Erwartungen, denen man gerecht werden muss, nehmen immer mehr Raum ein und führen so zu Unausgeglichenheit, Unzufriedenheit und unter Umständen sogar Frustration. Meist reicht die Kraft gerade noch so aus, um alles zu bewältigen und im Griff zu behalten. Aber wie regeneriert man seine Kräfte? Diese Kräfte, die sowohl Ordnung im Äußeren wie auch Harmonie im Inneren schaffen können? Diese Kräfte, die ganz eng mit unserer eigensten Individualität zusammenhängen.

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   Mit diesem Fragenkomplex beschäftigen sich heutzutage dementsprechend viele Ratgeber. Oft wird hierbei von diesen übersehen, dass die ordnenden und harmonisierenden Kräfte und unsere Individualität gar nicht voneinander zu trennen sind. Sind unsere Kräfte geschwächt, sind wir es als Persönlichkeit auch, und umgekehrt. Deshalb ist die zentrale Frage des Menschen in der modernen Gesellschaft nicht einseitig die nach seinen Kräften und deren Steigerung, sondern vielmehr die nach seinem Innersten, nach seinem „Ich“. Und aus den verschiedensten Fachgebieten weiß man: Kreativ sein, Künstlerisch tätig werden ist das „Lebens-Elixier“ des „Ich“.


   Motiv des „Kunst–Spiel–Raumes“ ist es, in diesem Sinne einen Raum für Kreativität anzubieten, in dem das Ich wieder zu sich kommt, der Mensch sich wieder  in sich gründen kann und damit seine Kräfte regeneriert. 




Hintergrund - Philosophie

   Mit der Frage „Warum: „Kunst-Spiel-Raum“?“ ist die Frage nach dem individuellen Menschsein untrennbar verbunden. Zur Frage des Menschseins geben Psychologen, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Mediziner, Sozialpädagogen, Pädagogen, usw. verschiedenste Antworten, die von so unterschiedenen Standpunkten ausgehend kaum zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammengefügt werden können. Häufig sind diese Antworten bei individuellen Fragestellungen nur partiell weiterführend. 
   Ein Blick in die Mythologie und Philosophie hingegen kann Aufschlüsse und Antworten geben, die z.T. weit über die der aktuellen Fachliteratur hinausgehen. Deshalb lohnt sich der kleine nachfolgende Exkurs zu Kernaussagen einzelner Mythen und Philosophen, um ein tieferes Verständnis für den Sinn von „Kunst-Spiel-Raum“ zu gewinnen.

   Ein zentraler Begriff ist das „ICH“, dieses rätselhafte Wunder, das sich in jedem Menschen offenbart und sich gleichzeitig wie verschleiernd dem Erkennen entzieht und das zudem den vielfältigsten Belastungen und Bedrohungen ausgesetzt ist. 


   In der ägyptischen Mythologie sucht der „Jüngling zu Sais“ nach diesem Unfassbaren im Antlitz der Gottheit und zog den Schleier der Göttin Isis verbotener Weise zur Seite. Der Gott Abrahams wurde der „Ich bin der ich bin“ genannt. ICH-Sein war damals noch ein Privileg der Götter. In Griechenland erklang dann die Aufforderung: „Oh Mensch, erkenne dich selbst und du wirst das Universum und die Götter erkennen“ (Inschrift im Tempel des Orakels in Delphi).
   Lange Zeit danach war es Parzivals Aufgabe sich dem Mysteriums des Grals zu nähern, indem er aus reinem Herzen die Frage nach dem SEIN im Anderen stellte. Parzival suchte also noch nicht das Ich in sich selbst, sondern im anderen, im Gegenüber.
   Wieder hunderte von Jahren später konnte der Philosoph Descartes sagen: „Ich denke, also bin ich“. Wieder dieses „Ich bin“, eine unglaubliche Aussage, dessen Schattenwurf wir zumeist nur ergreifen. Dieses Ich-Erlebnis wird in verschiedenster Art immer wieder von Menschen geschildert, sei es in Momenten großer Wachheit (Jean-Paul) oder in tiefen seelischen Krisen oder Nöten. Es ist aus unserer Kultur des Egoismus, der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung, der Suche nach eigener Autorität und Authentizität nicht mehr wegzudenken. Was Descartes mit dem Wort „Ich“ bezeichnet und was hier in dieser Abhandlung darunter verstanden wird, ist nicht mit dem Egoismus zu verwechseln, Der Egoismus bläht sich oft gerade dann wie eine riesige Hülle auf, wenn ihm im Inneren das fühlbare Gewicht und die fühlbare Substanz des eigenen „Ichs“ ermangelt.
   Lessing zeigte, dass die Entwicklung des ICHs durch verschiedene Phasen gehen muss. Zuerst ist für das erwachende Ich eine Anregung von außen notwendig. In einer zweiten Phase der Ich-Entwicklung wird der von außen gekommene Impuls Verinnerlichung. Lessing bezeichnete dies mit dem Begriff der „Herzinniglichkeit“. Diese seelische Bewegung der Verinnerlichung ist notwendig, um das sich entwickelnde Ich vor der Veräußerlichung im Egoismus zu bewahren. Und erst danach, in einer dritten Stufe, ist der Mensch in der Lage, über sein „Alltägliches Sein“ hinauszuwachsen, zu transzendieren. Unter dem hier notwendigen Blickwinkel kann man diese drei Phasen Lessings auch als „das Belehrt werden, das Erlernen des Handwerkes, die Auseinandersetzung mit dem Stoff und der Welt“, „die Individualisierung, das Sich - zentrieren“ und „die Transzendenz, das über das Alltägliche hinausgehende“ bezeichnen.
   Nachdem Lessing auf Entwicklungsgesetze des Menschen aufmerksam machte, untersuchte Friedrich Schiller die Thematik des selbstbewussten Ergreifens des eigenen Menschseins – des Ichs – und dem damit verbundenen Erringen der Freiheit. Drei Gebiete stellte er hierbei ins Zentrum seiner Überlegungen: Erstens: der „Sinntrieb“, dieser umfasst alles Wahrnehmbare, von der Farbe, dem Klang, von Besitztümern und Nahrung bis hin zu im Inneren erscheinenden Gefühlen und Begierden. Alles dies tritt unabhängig von uns auf und bestimmt unser Sein. Hier sind wir unfrei. Der „Formtrieb“, die zweite Kraft im Menschen, umfasst Ideen, Ideale, den Geist, die Sittlichkeit, das Moralische und Religiöse. Auch hier herrscht keine Freiheit. Aber indem der Mensch Ideen in der sichtbaren Welt verwirklicht, oder Sinnliches nach Ideellem gestaltet, hebt sich der zwingende Charakter beider gegensätzlicher Triebe auf, und es entsteht das Feld des Spieltriebes, der Kreativität, der Kunst, des freien Gestaltens. Und nur in diesem Feld ist der Mensch nach Schiller frei, so dass er zu der Aussage kommt: „… der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist (ein ICH ist), und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ 
   Dieses im „Spielen“, im kreativen Gestalten sich selbst als freier Mensch erschaffen, sich stärken und differenzieren ist zentrales Thema von „KUNST-SPIEL-RAUM“.
   Das in einem freien Spiel zu erringende Kunstwerk kann in der Malerei, in der Poesie, im Tanz und in jeder anderen Kunst errungen werden. Das höchste Ziel und Kunstwerk jedoch ist nach F. Schiller wie auch nach Novalis, noch über der Erziehungskunst, Heilkunst und politischen Kunst, das individuelle Leben selbst. Dieses darf in der „Lebenskunst“ zu dem eigenen edelsten Kunstwerk werden. Das Leben selbst ist dann eine individuelle freie Setzung. Das eigene Leben wird so zum selbst zu gestaltenden Kunstwerk.


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   Dieser schillersche Ansatz kann mit dem Entwicklungsgedanken von Lessing verbunden werden. Beide wurden von R. Steiner weiter ausgearbeitet. Zudem sind noch weitere Überlegungen aus dem anthroposophischen Menschenbild von Bedeutung: So wie, wie in der Biologie bekannt, der Mensch die verschiedenen Evolutionsstufen als Embryo durchläuft (also das Entwicklungsstadien des Einzellers und Vielzellers, des Polypen und Fischartigen usw.) so durchläuft das Individuum mit seinem „ICH“ verkürzt die Seins-Zustände der Menschheit vom mythischen Kleinkindbewusstsein hin zum modernen erwachsenen Selbsterleben. Aber nicht nur das: die schon durchlebten Bewusstseinsstufen der eigenen Kindheit, der Jugendzeit und die verschiedenen Entwicklungsschritte im Erwachsenenalter sind mehr oder weniger nebeneinander und hoffentlich möglichst frei abrufbar. Denn weil diese abrufbar sind kann z.B. ein erwachsener Mensch mit einem kleinen Kind Bauklötze oder Puppenstube spielen. Er kann dieses kindliche Bewusstsein in sich wieder wachrufen und beleben und aus ihm heraus agieren.

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   Die freie Themenwahl, das Arbeiten mit bestimmten Maltechniken und vor allem das Ringen im eigentlichen künstlerischen Prozess machen es möglich, die Vielschichtigkeit der eigenen Individualität und ihr freies gesundes Ausleben anzuregen und zu entfalten. Dies sind Momente, in denen verschiedenste Entwicklungsstufen des eigenen Seins im kreativen Prozess mit dem Geschaffenen in Resonanz treten. Diese Erfahrung beglückt, denn wenn im künstlerischen Prozess das zutiefst Innere mit der Außenwelt in eine harmonische Versöhnung gebracht wird, ist „die Welt endlich wieder rund“.
   Es lohnt sich, das bisher Geschilderte auch noch von einem weiteren Gesichtspunkt aus zu betrachten: Das Thema „Umweltverschmutzung“ ist in aller Munde. Aber wie sieht es mit der Fragestellung nach der „Innenweltverschmutzung“ aus? Sie ist vielfältig, oft sogar destruktiv gegen andere oder sich selbst gerichtet und zumeist unbeachtet. Und in diesem eigenen Innenraum kann nur einer aufräumen, nur einer wieder alles „heil“ machen: Das eigene „Ich“ – und dieses gilt es zu stärken. 
   Im „Kunst-Spiel-Raum“ sollen die eigenen Gestaltungs- und Selbstheilungskräfte angeregt werden. Sie bilden ein gutes Gegengewicht zu den schwächenden, ermüdenden, entmutigenden, verhärtenden oder verunsichernden Situationen einer jeden individuellen Ichentwicklung. „KUNST-SPIEL-RAUM“ will einen Raum zur Verfügung stellen, in dem „Mensch-Sein und Mensch-Werden“ im künstlerischen Spiel immer wieder aufs Neue erlebt, geübt und errungen werden. 

* Die mit * versehenen Arbeiten wurden von Elias Donat netter Weise für diese Seite zur Verfügung gestellt.